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Selbst Schlagzeuger
sind Musiker
Jazz-Dummer Billy Cobham über
John Coltrane und YMCA
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Mr. Cobham, heute abend spielen Sie gemeinsam mit sechs weiteren Jazzgrößen Chaouki Smahis Produktion "La Rose du Sable" - Charlie Marianos letzte Studio-Aufnahme.

Korrekt.

Ein womöglich einzigartiger Auftritt. Und ein Album, dessen Aufnahmen schon über ein Jahr zurückliegen.

Oha! Wirklich schon über ein Jahr? Doch, das könnte sein!

Üben Sie also schon fleißig? Proben Sie mit den anderen Musikern?

Das nicht. Ich schätze, dass wir erst kurz vor der Show noch einmal zusammen spielen. Mehr lässt mein Terminkalender auch gar nicht zu.

Aber muss man sich als Jazzer nicht vorher ein wenig unter Kollegen beschnuppern? Lediglich den Oud-Virtuosen Chaouki Smahi, der die meisten Stücke für "La Rose du Sable" geschrieben hat, kennen Sie ja gut.

Chaouki? Auf "La rose" habe ich zum ersten Mal mit ihm gespielt! Mit allen habe ich dort zum ersten Mal gespielt, Charlie Mariano eingeschlossen! Aber ich habe eine innere Sicherheit, vor allem was diese Musik angeht. Das ist kein Problem. Es wird alles sehr organisch über die Bühne gehen.

Klingt experimentell.

Selbst wenn wir viel proben würden, würde das kaum etwas ändern. Wir wären immer noch in diesem Händeschüttel- und "Sehr-erfreut-Sie-zu-sehen!"-Modus. Das Wichtigste für uns wird es also sein, beim Konzert die Spontaneität des Augenblicks zu genießen.

Das Gefühl müssen Sie als Jazz-Musiker ja kennen: Nicht genau zu wissen, was der Kollege als Nächstes macht.

Als Jazz-Musiker bezeichnen mich ja eigentlich nur die Leute, die mich im Rock'n'Roll-Bereich kennengelernt haben. Für die Jazz-Musiker bin ich eigentlich kein Jazz-Musiker (kichert). Aber zurück zur Sache: Wahr ist, dass das Genre eine sehr individualistische Welt ist. Geltungsbedürfnis und Jazz sind beinahe dieselben Begriffe. "Wer ist der Beste, der Lauteste, der Schnellste?" - das gibt's oft im Jazz.

"La Rose du Sable" ist ein Album voller orientalischer Klänge. Wie kam Billy Cobham mit auf die Platte? Hat Charlie Mariano Sie angerufen?

Nein, Chaouki hat mich angerufen. Es ist sein Projekt, er hat auch produziert. Für mich war es also wichtig, unbefangen in das Projekt einzusteigen. Das haben mich die Jahre gelehrt: Bleib offen, bleib locker, saug die Informationen ein, die auf dich zukommen. Fang keine Hahnenkämpfe an.

Der Star des Abends in Reutlingen ist natürlich Charlie Mariano, die im vergangenen Sommer verstorbene Saxophon-Legende. Was fanden Sie bemerkenswert an ihm?

Ganz einfach: dass er ein Zeitgenosse von Charlie Parker war. Das war wichtig für mich. Es ist wie mit McCoy Tyner zu arbeiten, der ein Zeitgenosse von John Coltrane war. Ich lerne viel von solchen Musikern. Auch jetzt noch.

Coltrane hat Saxophon gespielt - wie Charlie Mariano. Was lernt ein Schlagzeuger von einem Saxophonisten?

Nun ja - auch Schlagzeuger sind Musiker. Hat Ihnen das noch niemand erzählt? (kichert)

Aber was genau saugen Sie da auf? Schließlich hat Coltrane keine Rhythmen auf seinem Saxophon geklopft.

Ich bitte Sie! Auch ich klopfe nicht - ich spiele! Und von Coltrane lerne ich zu phrasieren, unter anderem. Jede einzelne Trommel ist gleichwertig - aber welche Trommel spiele ich wann? Und damit hört es nicht auf: Coltrane hatte ein Konzept, das ihn über die rein technische Perfektion hinaushob.

Meinen Sie Genie?

Ja, aber Coltrane hatte dazu die Fähigkeit, mit anderen Individuen zusammenzuspielen: Information an die Bandmitglieder zu streuen. Alles muss auf der Bühne ineinandergreifen, sonst endet es in einem Rudel von Individualisten.

Sie kommen bekanntlich aus einer musikalischen Familie. Ihr Vater war Pianist. Warum haben Sie sich nicht selbst am Klavier wiedergefunden?

Weil alle anderen in der Familie Schlagzeug gespielt haben. Mütterlicherseits. Da gab es eine Menge Schlagzeuger. Grundsätzlich ist es zwar so, dass die Männer in meiner Familie Klavier spielen - aber ich bin irgendwie in die andere Richtung gerutscht.

War es bei so guten Genen zwangsläufig, dass Sie Musiker wurden? Erfolgreich und berühmt?

Das erste: ganz klar. Die Musik war mein Ziel schon bevor ich an der High School of Music and Art in Brooklyn anfing. Wie weit das führen würde, konnte ich aber selbst dann noch nicht ahnen, als ich als junger Studiomusiker Jingles und Werbespots aufnahm.

Nie das Gefühl gehabt, zu etwas Höherem geboren zu sein?

Erst später, als ich von '71 bis '73 bei John McLaughlins "Mahavishnu Orchestra" spielte. Die Band zerfiel 1973, aber ich hatte vorher bei rund 500 Konzerten das Gefühl bekommen: Alles klar! Ich bin bekannt, ich kann etwas! Billy Cobham könnte ein eigenes Publikum bekommen, wenn er selbst richtig gute Musik macht.

Und endlich eigene Songs schreibt.

Ja, schreiben! Das lief anfangs ziemlich ungelenk, ganz langsam. Wie mit zwei Fingern auf der Schreibmaschine. Meine Umgebung hat den Versuch skeptisch beäugt. Aber aus dem hässlichen Entlein wurde ein Schwan! Meine erstes Album, Spectrum, wurde ein riesiger Erfolg. Die Platte war eigentlich als Präsentation geplant, etwa für Promoter - aber nach 800000 verkauften Exemplaren stehe ich jetzt hier und gebe Interviews.

Bereits vor rund 30 Jahren sind Sie dann in die Schweiz gezogen. Der totale Kontrast zu New York, oder?

Ja, aber ich brauchte ein neues Umfeld, persönlich und beruflich. Die Szene in den Staaten hat sich Anfang der Achtziger krass verändert. Das hat mich in die Verzweiflung getrieben. Ich war kein Disko-Musiker! Ich wollte nicht mit Bands wie den "Village People" auf der Bühne stehen. Kennen Sie die?

Klar. "YMCA", "In the Navy". Die wären bestimmt auch gut mit einem Drum-Computer ausgekommen.

Das war nichts für mich. Außerdem wollte ich mit dem Gerücht aufräumen, dass außerhalb der USA im ganzen Universum kein Platz für Musiker wie mich ist. Das wollte ich erstmal sehen! Also ging ich erstmal für sechs Wochen in die Schweiz. Und jetzt, nach beinahe 30 Jahren, bin ich immer noch hier.

Ein perfekter Migrationshintergrund.

Genau. Panama, USA, all die Reisen und dann das Leben in Europa: Das hat auch meine Musik in ihrer Vielfalt weitergebracht. Mein Leben ist meine Musik, und meine Musik ist mein Leben.