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Wähler-
Wanderungen
Winfried Kretschmann greift im Wahlkampf zur Politik der schönen Bilder.
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Beim steilen Anstieg auf die Burg Hohenzollern, auf 750 Metern, da zählen keine Inhalte mehr, da zählt nur noch der pure Wille. Winfried Kretschmann stapft stramm dem Adlertor entgegen. Es geht gegen Mittag, die Sonne regiert mit harter Hand, es wird hitzig, dampfend, dumpf. Um Kretschmann herum ein Pulk aus schwitzenden Leibern, aus Leuten vom Albverein, aus Basisgrünen, Senioren, Leibwächtern, Lokalpolitikern, noch mehr Senioren und Japanern.

 

Natürlich Japanern, hier im Wald unter der Burg, mit ihren 300.000 Besuchern im Jahr. Die Japaner wissen gar nicht, wer dieser Winfried Kretschmann ist, die interessieren sich jetzt auch gar nicht für Inhalte. Und auch die anderen Wanderer, alle am Rand der Erschöpfung, interessieren sich nicht mehr für Inhalte. Irgendeiner aus der Basis stößt beim letzten Anstieg zwar noch etwas wie „...Glyphosat...“ hervor, aber dem hört schon keiner mehr zu. Glyphosat will hier niemand mehr, alle wollen nur noch Apfelschorle.


Fünfmal in dieser Woche wandert Kretschmann mit seiner Entourage durchs Land. Hohenneuffen und die Uracher Wasserfälle hat er schon hinter sich gebracht, und gestern also Hechingen, dann die Zollernburg und am Nachmittag noch auf die Alb rauf. Unterwegs: Die so genannte „Politik des Gehörtwerdens“, die die Villa Reitzenstein so gern verkündet.


Das mit dem Gehörtwerden gestaltet sich am Vormittag noch etwas zäh – gibt es doch auf dem Hechinger Marktplatz kaum jemanden, der morgens um 9 unbedingt gehört werden möchte. Die Senioren, die hier stehen, sehen alle recht zufrieden aus mit ihrer Welt – und von den jüngeren will offenbar auch keiner mit Politik vorpreschen. Immerhin: Zwischen den zwanzig Leuten springt irgendwann Baden-Württembergs „Waldkönigin“ Ramona Rauch mutig dem Landeschef entgegen: „Hallo, ich bin die Waldkönigin!“ – „Wer bitte sind Sie?“ – „Ich bin die Waldkönigin!“ – „Aha.“ – „Ich dachte, ich begleite Sie heute mal ein Stück.“ – „Na, wunderbar.“


In Windeseile geht es mit Landrat Pauli und langen Hosen ins Hechinger Rathaus, mit Landrat Pauli und kurzen Hosen wieder hinaus, zum Händeschütteln zum Mann mit dem Käse und dem Mann mit den Südtiroler Leckereien und dann noch zu dem Polizisten mit dem Bart, der da an der Ecke steht: „Vielen Dank für Ihren Dienst!“, sagt Kretschmann – und muss schon weiterwandern.


Natürlich geht es hier vor allem um schöne Bilder in möglichst vielen Medien, am Besten in bewahrenswerter Natur und im Gespräch mit dem Bürger. Doch durchinszeniert ist’s hier nur zum Teil, dazu ist dann doch alles ein wenig zu wenig perfekt. Wer mag, darf hier den Ministerpräsidenten auch ungeschminkt als Menschen aus Fleisch und Blut kennenlernen. Senior Kretschmann stapft schonungslos durchs Gelände unter der Burg, lässt Jüngere hinter sich zurück, während er auf so ziemlich jedes Thema einzugehen versucht, das so an ihn herangetragen wird.


Diesel, Merkel, Flüchtlingsrechte? Weniger. Stattdessen fragt ihn etwa der Kollege vom Radio, ob Kretschmann ihm nicht für einen Stimmenfang einen Gefallen tun könne: Heute vor 40 Jahren, da ist doch Elvis gestorben! Was bedeutet ihm eigentlich Elvis? „Eine Ikone natürlich“, antwortet Kretschmann sofort, stapft weiter Richtung Zollern und spricht nebenher noch ein bisschen über Elvis.


In solchen Momenten kommt auch das Maskottchenhafte des Landeschefs zum Vorschein. Kretschmann wird, anders gewiss als seine Amtsvorgänger, bei vielen Passanten gar nicht mehr primär als planvoll agierender Politiker im engeren Sinn wahrgenommen. Als der Ministerpräsident, die Waldkönigin und der Rest die letzten Meter zur Burg nehmen, raunt eine spalierstehende Seniorin ihrer Freundin zu: „Die Gerlinde fehlt! Die hat er heute einfach zuhause gelassen!“ – „Schade“, antwortete die andere teilnahmsvoll: „Ist ihr vielleicht zu heiß heute.“ Ob die beiden die zwei Kretschmanns neulich auch gewählt haben? „Natürlich, die mögen wir!“ sagt die Ältere, die 84 ist.


Endlich auf der Burg und beeindruckend schnell regeneriert, zeigt sich der Grüne bewegt vom Prachtbau: „Das hier ist ja einer der großen romantischen Orte Baden-Württembergs“, sagt Kretschmann. Die Burgverwaltung hat, dem Anlass entsprechend, für ein Dutzend Winkekinder gesorgt, die in mittelalterliche Waffenröcke gehüllt sind und aus Leibeskräften winken.


Kretschmann klatscht die Kleinen ab und wirkt zum ersten Mal an diesem Tag ausgelassen fröhlich. Und während ihm die Assistentin noch spontan den Hemdkragen in Ordnung bringt, paukt der Ministerpräsident kurz mit seinem Stab, wie denn jetzt eigentlich Georg Friedrich Ferdinand genau zu adressieren sei – der junge Zollernprinz nämlich, der da hinten im Burghof schon mit den Füßen scharrt. „Bei der Anrede des Adels darf man nämlich nichts falsch machen“, sagt Kretschmann. Und später, zum Zollernprinzen: „Ich hoffe inständig, dass wir alle hier später noch gemeinsam das Hohenzollernlied singen“ – und so richtig kann man bei beidem nicht sagen, ob, und wenn ja, wieviel Ironie heute denn nun tatsächlich dabei war.