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Riese im
Strickkleid
Frauenquote 90 Prozent: Ein Besuch
beim Premium-Textiler Marc Cain.
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Die Frösche in einem dieser Marc-Cain-Seen quaken so laut, dass man sein eigenes Wort kaum versteht. Selbst einen Steinwurf entfernt, auf einer der ausladenden Terrassen der Unternehmens-Zentrale in Bodelshausen, klingelt es in den Ohren. Helmut Schlotterer muss die Stimme heben: „Diese Frösche haben wir nicht extra geholt“, sagt er: „Die sind einfach da gewesen.“

Der Marc-Cain-Gründer ist noch immer sichtlich stolz auf die modernistisch hingegossene Firmenarchitektur in seinem Rücken. Am Ortsrand des schwäbischen Dorfs Bodelshausen hat sich das Unternehmen in den vergangenen Jahren nicht nur quantitativ erweitert, sondern auch ein ästhetisches Statement gesetzt. Das ging, weil das Unternehmen rasant gewachsen ist. Das musste sein, weil neben dem Flächen-Wachstum auch ein gewisses Lebensgefühl zum Modegeschäft gehört. In den riesigen Hallen-Neubau, der gerade direkt am Firmensitz entsteht, werden Luxus-Büros und Dachgärten gleich mal integriert.

34 Millionen, schätzt Schlotterer, wird allein dieser neue Bau am Ende geschluckt haben. Marc Cain kann das finanzieren, weil das Unternehmen allein im vergangenen Jahr rund 253 Millionen Euro umgesetzt hat – so viel wie nie zuvor und wieder 13 Prozent mehr als 2012. „Die letzten Jahre waren der Hammer“, sagt Schlotterer. „Von so einem hohen Niveau kann es ja im Grunde nur noch bergab gehen.“ Auch im laufenden Jahr erwartet er indes ein Plus. „Aber wir werden uns wohl mit sieben Prozent zufriedengeben müssen, zweistellig schaffen wir nicht.“

Derzeit arbeitet Marc Cain daran, in möglichst vielen Ländern auf dem Globus präsent zu sein, und das möglichst direkt. „Wir bauen gerade eine Konzernstruktur auf“, sagt Schlotterer. Gerade in Osteuropa ließ das Unternehmen Ladengeschäft nach Ladengeschäft eröffnen. 2014 wird in Frankreich und Australien, in Korea, Kuwait und Teneriffa aufgemacht. In 59 Ländern weltweit verkaufen inzwischen knapp 180 Shops, knapp 290 Shop-In-Stores, 472 Depot-Kunden und 1001 Facheinzelhändler die Premium-Klamotten. Die Maschinen in Bodelshausen laufen 24 Stunden am Tag, 650 Mitarbeiter sind allein hier am Standort beschäftigt.

Mit den millionenschweren Neubauten können die erstmal davon ausgehen, dass Marc Cain nicht, wie so viele andere Textiler, riesige Mengen der Produktion in Billiglohnländer auslagert. Marc Cain hat Partner in Rumänien, Ungarn und Portugal, mit allein knapp hundert Strickmaschinen bleibt Bodelshausen aber Stammsitz und Zentrale. „Wir haben einen rein europäischen Workflow“, sagt Schlotterer, „und damit ein Herrschaftswissen über das Produkt.“ Während andernorts die Strickereien schon vor Jahrzehnten dicht machen mussten, habe man mit der Gründung 1973 „ein Wunder von Bodelshausen“ erlebt. „Wenn ich heutzutage neu anfangen würde, würde ich nicht mehr auf die Idee kommen, eine Strickerei aufzubauen“, sagt Schlotterer.

„Marc Cain hat ein Bekenntnis zum Standort abgelegt, und das freut uns.“ Das sagt Bodelshausens Bürgermeister Uwe Ganzenmüller. Der Textiler erleichtert dem Rathauschef das Haushalten ungemein: Bodelshausen ist die einzige Einpendler-Gemeinde weit und breit, das Gewerbesteuer-Aufkommen ist hoch, Marc Cain trägt keinen kleinen Anteil daran. „Man konnte das Wachstum des Unternehmens in den vergangenen Jahren mit Händen greifen“, sagt Ganzenmüller. Die jüngsten Erweiterungen des Textilers, so Ganzenmüller, habe man begrüßt und sofort nach Kräften unterstützt. Zahlen möchte der Rathauschef in Hinblick auf das Steuergeheimnis nicht nennen.

Helmut Schlotterer wird etwas konkreter, während er durch die nüchterne Architektur des Firmensitzes führt. 75 bis 80 Prozent des Steueraufkommens in Bodelshausen, schätzt er, trägt sein Unternehmen derzeit zur Gemeinde bei. Während Konkurrenten wie Strenesse, René Lezard oder Laurél strauchelten, kam Marc Cain auch gut durch wie weltweiten Krisenjahre. „Unser Wachstum“, sagt Helmut Schlotterer, „gründet auch auf einen Verdrängungs-Wettbewerb.“

Der ist für Marc Cain umso härter, als Deutschland an sich schon – bei allem Erfolg in der Region Neckar-Alb – kein klassisches Modeland ist, und sich in Zeiten des Fachkräfte-Mangels auch das größere Dorf Bodelshausen als Herausforderung bei der Rekrutierung fähiger Köpfe erweisen dürfte. Angesprochen auf die Urbanität, in der sich die Glitzerwelt der Mode ja fast ausnahmslos abspielt, muss Schlotterer selbst grinsen. „Das ist ein Punkt, mit dem wir hier nicht dienen können. Deshalb müssen wir andere Pluspunkte stark machen.“

 

Zweifellos sei es aber so, dass die Ingenieurinnen, die Managerinnen, die Designerinnen und Innenarchitektinnen woanders wohnen als in Bodelshausen. „Stuttgart geht so“, sagt Schlotterer, „Tübingen geht nicht. Und Balingen geht schon gar nicht.“ Er selbst wohnt in Tübingen, hat sich in Mallorca etwas im mallorcinischen Stil gebaut und auch ein Domizil in Konstanz. Schlotterers Familienstammbaum indes reicht weit hinein in Bodelshausens Mittelalter.

Was die Stärken des Unternehmens sind, hat eine branchenweite Image-Studie ergeben, die 30 Labels im Premium-Segment listet. Helmut Schlotterer lässt sie sichtlich erbaut über die Bildschirme in seinem Büro flimmern. Verglichen mit Marken wie Windsor, DKNY, Bogner und Joop haben die Bodelshäuser die größte Reichweite in deutschen Geschäften, die größte Bekanntheit, das höchste Profit-Versprechen für Einzelhändler und grundsätzlich das beste Image. Das mit dem Profit sei vor allem wichtig, so Schlotterer. „Die heutigen Einkäufer sind Excel-getrieben, die brauchen immer eine Richtlinie, die man auch mit Zahlen belegen kann.“

Woran das Unternehmen immer wieder arbeiten müsse, sagt er, sei das Image und die damit verbundene Aufgabe, auch jüngere Zielgruppen für die Kollektionen zu erwärmen. Kundinnen werden gewöhnlich gemeinsam mit ihren Lieblings-Labels älter. „Die Häutung von Mode-Unternehmen“, so Schlotterer, „ist überall auf der Welt die große Herausforderung.“ Eine strategische Herausforderung zumal, denn die Altersstruktur der Kundschaft senke man nicht von heute auf morgen mit ein und der gleichen Marke. „Image-Bewegung ist eine träge Bewegung“, so Schlotterer, „da braucht man einen langen Atem“.

Das Image des Ortes Bodelshausen selbst hat Marc Cain in den vergangenen Jahren schon mal deutlich geschärft – sagt jedenfalls Bürgermeister Uwe Ganzenmüller. „Man kennt uns durch das Unternehmen ja schon europaweit“, sagt er. „Marc Cain steht in der ‚Bunten‘ und in der ‚FAZ‘ und jedesmal steht da auch Bodelshausen.“ Wenn so ein Unternehmen Flächen möchte, um den Standort zu stärken, so Ganzenmüller, müsse man als Gemeinde „Gewehr bei Fuß stehen“. Zudem sei der Firmenkomplex durch die ganz eigene Architektur und die kleinen Parkanlagen ein echter Hingucker, der weitere positive Zahlen nach sich ziehe. „Das bildet zweifellos einen Mehrwert“, so Ganzenmüller: „Es macht für Sie als Unternehmer einen Unterschied, ob Sie neben einem Auto-Abwrackbetrieb siedeln oder neben Marc Cain.“

Dass man in Bodelshausen eine gewisse Weltläufigkeit in Beton gegossen hat, sei nicht zuletzt wichtig, um die richtigen Nachwuchskräfte zu bekommen, sagt Helmut Schlotterer, der als Richard-Meier-Fan bei den architektonischen Entscheidungen gerne mitredet und seit Jahren eine eigene Interior-Design-Abteilung beschäftigt. Einfach ist das nicht, die meisten Leute müsse man selbst ausbilden. Und: 90 Prozent der Beschäftigten im Haus sind Frauen. „Wir brauchen dringend eine Männer-Quote bei Marc Cain“, sagt Schlotterer. „Wir sind ein weiberlastiger Laden.“ Auch so eine Image-Frage, die sich wohl nur mit langem Atem lösen lässt.

Immerhin eine dieser Image-Fragen hat Marc Cain schon vor Jahrzehnten gelöst: den glamourösen Namen. Ein realer „Marc Cain“ als Person, so Helmut Schlotterer, habe weder das Unternehmen nennenswert geprägt, noch sei er bei einem legendären Unfall mit seinem Auto ums Leben gekommen, wie einige Medien schrieben. Den eleganten Namen Marc Cain trug ein Franko-Kanadier, mit dem er in seiner frühen Zeit in Italien zusammengearbeitet habe, erzählt der Unternehmer. Bei der Suche nach einem Markennamen sei die Inspiration dann herzlich willkommen gewesen: „Der Name Marc Cain“, so Schlotterer, „hat mir einfach besser gefallen als der Name Schlotterer.“

1973 in turbulenten Textilerjahren gegründet, gehört Marc Cain in Bodelshausen inzwischen zu den prägenden Unternehmen in der Region Neckar-Alb. Allein in Deutschland beschäftigt Marc Cain über 800 Mitarbeiter und erreichte 2013 einen Rekordumsatz von 253 Millionen Euro. In den vergangen zehn Jahren hat sich der Umsatz des Bodelshäuser Unternehmens damit mehr als verdreifacht. Vorstand der Geschäftsführung ist Gründer Helmut Schlotterer.