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Keine
Weltverbesserungspläne
Pop-Art-Künstler Mel Ramos
über Malerei und Humor
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Mr. Ramos, Ihre Kunst hat abstrakt begonnen und in den frühen 60er Jahren Comic-Helden wie Batman für sich entdeckt. Ihr Markenzeichen aber ist nach wie vor der weibliche Akt in Pin-Up-Manier. Wann hat das angefangen mit Ihnen und den Frauen?

Mit den Frauenbildern ging es eigentlich erst zu dem Zeitpunkt los, als mir die Männerbilder ausgingen, die ich in den Comic-Heften fand. Da erst habe ich mit Frauen begonnen: Wonder Woman, Phantom Lady und so weiter. Ich habe über diese sexy Motive nachgedacht und später die "Keyhole"-Serie gemacht, mit meinem ersten richtigen Akt-Bildern. Und dabei habe ich gemerkt: Es macht großen Spaß.

Ist Spaß die große Konstante, die Ihre Arbeit seit den Anfängen durchzieht?

Absolut. Spaß ist absolut wichtig. 

Fanden Sie denn damals, dass Spaß in der Geschichte der abendländischen Kunst, nun ja, unterrepräsentiert ist?

Ich wollte die Sache mit dem Spaß in der Kunst hauptsächlich für mich selbst klarstellen. Das hat nichts mit der Arbeit von anderen zu tun. Es hat mit meiner eigenen Arbeitsweise zu tun. Für die ist Spaß wichtig. Nehmen Sie einen Künstler wie Red Grooms. Der macht lustige Arbeiten, die aussehen wie Cartoons. Mit solchen Kerlen verbindet mich wahrscheinlich mehr als mit irgendjemandem sonst.

Der Beginn war um 1960 herum.

Ja, vorher habe ich komplett ungegenständlich gemalt. Abstrakte Malerei. Es war vielleicht 1958, als ich in New York ein Gemälde von Nathan Oliveira gesehen habe. Das Bild zeigte das klassische Motiv vom Menschen im bestialischen Kampf mit den Mächten der Anonymität und Mechanisierung. Themen, die Künstler seit Jahrunderten malen: Der Mensch und sein Dasein. Und ich dachte nur: "Oh Gott, ist das abgedroschen! So etwas will ich nicht machen!" Aber die figürliche Darstellungsweise von Oliveira, die mochte ich sehr.

Die haben sie übernommen, ohne den inhaltlichen Ernst.

Eines Tages ist mir damals aufgegangen, dass es viel zu viele Leute gibt, die so etwas viel besser können, als ich es je könnte. Ich sagte mir: "Okay. Dann werde ich ab jetzt kein ernsthafter Künstler mehr. Ich mache ein Hobby draus und male genau die Gemälde, die mir Spaß machen." Was mir Spaß machte, waren meine Lieblingszeichnungen aus den Comics. Ich fand, dass diese Künstler wirklich schön zeichnen können. An dem Tag entschied ich, dass ich emblematische Porträts dieser Comic-Helden machen will. So wie Gainsboroughs "Knabe in blau". Die gleiche Art, für meine Zeit. Also malte ich "The human torch".

Die Superhelden-Riege haben Sie seitdem recht komplett bearbeitet.

Der einzige, den ich nie gemalt habe, war Captain Marvel. Und das auch nur deshalb, weil ich mich mit ihm zu sehr identifiziert habe. Er hat kurzes, lockiges Haar, er hat ein Grübchen, so wie ich zu der Zeit. Er war ein wenig übergewichtig. Also habe ich ihn nie gemacht, bis im vergangenen Jahr: Da habe ich ein schönes Bild von Captain Marvel für zwei schwule Jungs aus Wien gemalt, die sich selbst als Captain Marvel sehen wollten. Sie sind sehr reich, und Captain Marvel sieht super aus in ihrem Palast.

Früh haben Sie außerdem damit begonnen, in Ihren Arbeiten auf das Werk anderer Künstler hinzudeuten. Wenn Sie solche Meisterwerke der Kunstgeschichte zitieren, wie auch in Ihren aktuellen Arbeiten der "Drawing Lessons", geschieht das aber immer mit einer gewissen ironischen Distanz.

Das hoffe ich doch sehr! Freut mich übrigens, dass Sie das erkannt haben. Viele Leute sehen das mit der Ironie gar nicht.

Vielen Dank. Sie erweisen also ganz deutlich vielen großen Meistern Ihre Reverenz, aber mit Ironie. Warum?

Warum nicht?

Ach, kommen Sie! Warum?

Mal ernsthaft: Sie können immer die Frage stellen "Warum?". Sie können aber genauso gut die Frage stellen "Warum nicht?".

Anders gefragt: Haben die Leute auf eine oberflächliche Weise zu viel Respekt vor den großen Meisterwerken der Kunst? Ist das Ihr Punkt?

Ich fälle keine Urteile darüber, ob andere Leute bestimmte Sachen zu ernst nehmen oder nicht. Ich interessiere mich nur für das, was ich selber denke. Und das ist: Ich habe keine Weltverbesserungspläne, in keinerlei Hinsicht. Ich will die Welt nicht zu einem schöneren Platz machen für, sagen wir, Marihuana-Konsumenten. Als Künstler interessiert mich das nicht. Als Mensch schon. Ich mache mir Gedanken über den Klimawandel und die Wirtschaftskrise.

Zurück zu den Meistern, die Sie so oft zitieren. Die Kunstwelt lebt ja davon, diese Meister ernst zu nehmen.

Manche Meister nehme ich ernst. Willem de Kooning nehme ich ernst, einen der besten abstrakt-expressionistischen Maler jener Tage. Deswegen habe ich sein Werk ja auch parodiert. Als ich 1969 als Student aus New York zurückkam, hatte ich diese de-Kooning-Dämonen in mir. Alles, was ich machte, sah aus wie ein de Kooning.

Also Ironie ...

Ja. Mit der Serie "I still get a thrill when I see Bill" habe ich diese Dämonen endgültig ausgetrieben. Als eine Frau in meine Galerie in San Francisco kam und eins meiner eigenen de-Kooning-Pastiches sah, sagte sie: "Oh, ich wusste gar nicht, dass Du einen de Kooning besitzt!" Das war einer der tollsten Tage meines Lebens! Seitdem kann ich mich wieder auf meine eigene Arbeit konzentrieren und muss nicht de Koonings Arbeit mit erledigen.

Aber noch immer ist es Ihnen wichtig, sich mit ihren Sujets identifizieren zu können?

Ja, ich habe ja nicht zuletzt ziemlich hübsche Frauen auch im wirklichen Leben. Meine Frau war wirklich wunderschön, als sie jünger war. Meine Tochter sieht wunderschön aus, und sie ist immerhin schon 45. Sie hat mir ein paar wunderschöne Enkel geschenkt. Ich bin auch in meiner Familie von schönen Frauen umgeben.

Hatten Sie als Künstler je Probleme damit, Ihre Familie zu ernähren?

Ich habe 41 Jahre lang in Schulen unterrichtet. 10 Jahre in einem Gymnasium, 31 Jahre an der Universität. So war ich zum Glück nie von der Kunst abhängig um die Rechnungen zu bezahlen. Aber es war ein gutes Zubrot zu meiner Arbeit. Erst in den letzten vielleicht 10 Jahren mache ich wirklich viel Geld mit der Kunst. Und das kommt auch nur daher, dass ich ein Überlebender bin. Wissen Sie: Die meisten meiner Kollegen sind tot. Roy Lichtenstein, Tom Wesselman, Andy Warhol, sie sind alle von uns gegangen. Ich bin der letzte aus der Gruppe.

Haben Sie eine Theorie, warum gerade Sie?

Ja.

Welche?

Ich bin der jüngste von uns allen.